August 2009

Mit dem Auto auf dem Weg nach
Berlin, in die Charité.

Die Landschaft zieht vorbei, doch ich nehme sie kaum wahr. In mir bewegt sich alles. Hoffnung und Verzweiflung wechseln sich ab, manchmal im Minutentakt. Gedanken kommen und gehen, kreisen, verhaken sich ineinander. Was, wenn? Was dann? Und was, wenn nicht?

Eigentlich aber ist da diese eine große Hoffnung. Die Hoffnung, dass sich alles erklären lässt. Eine Krankheit mit kompliziertem Namen vielleicht, eine, die man nachschlagen muss. Eine, vor der man Angst hat, aber die man bekämpfen kann.

Die Charité.
Das Nonplusultra. Der Ort, an dem Wissen, Erfahrung und Möglichkeiten zusammenkommen. Meine große Hoffnung. Wenn es irgendwo eine Antwort gibt, dann hier.

Neun Monate zuvor bin ich zum ersten Mal mit dem Begriff Motorneuronenkrankheit konfrontiert worden. Ein Wort, das sich zunächst fremd und abstrakt anhörte – und sich langsam, unaufhaltsam in mein Leben geschoben hat. Seitdem begleitet mich die Ungewissheit. Und mit ihr dieser eine Name, der im Raum steht: ALS.

Ich versuche, nicht daran zu denken. Und doch tue ich es pausenlos.
Dieser Wechsel – zwischen Hoffnung und Angst – zermürbt mehr als jede Diagnose. Dieses Warten, dieses Nichtwissen. Jeder Tag ein inneres Pendeln. Jeder Gedanke ein vorsichtiges Abtasten der Zukunft.

Wir fahren weiter Richtung Berlin.
Ich halte mich an der Hoffnung fest.  Noch.

Aber erst mal von vorn...

Anfang 2006

Ein komisches Gefühl 

Wann alles ganz genau begann, lässt sich heute nur schwer sagen. Rückblickend wirkt es wie ein schleichender Prozess, der sich erst im Nachhinein zu einem klaren Anfang verdichtet.

Im Frühjahr 2006, während einer routinemäßigen monatlichen Teambesprechung, nahm ich es zum ersten Mal bewusst wahr. Ich reichte einem Kollegen eine Tasse Kaffee – eine schlichte Tasse mit Unterteller. Doch noch bevor er sie ganz in den Händen hielt, begann meine rechte Hand zu zittern. Es war kein starkes Beben, eher ein feines, kaum sichtbares Vibrieren. Und doch deutlich genug, dass die Tasse leise auf dem Unterteller klapperte. Es kam unerwartet und ließ mich innerlich zusammenzucken. Es war mir sehr unangenehm, fast peinlich. Schließlich hatte ich bislang ruhige Hände gehabt.

Ich suchte sofort nach einer Erklärung, um den Moment für mich selbst zu entschärfen. Wahrscheinlich Nervosität, redete ich mir ein. Immerhin stand noch eine Präsentation an, und eine gewisse Anspannung schien plausibel. Mit diesem Gedanken legte ich das Zittern innerlich ad acta, als wäre es eine harmlose Begleiterscheinung eines stressigen Arbeitstages.

Unterschwellig bemerkte ich im Alltag noch etwas anderes: Die Ausdauer im rechten Arm ließ nach. Vor allem bei handwerklichen Tätigkeiten. Dinge, die mir früher leicht und pausenlos von der Hand gegangen waren, verlangten nun mehr Pausen.  Doch das beunruhigte mich nicht wirklich. Ich schob es auf meinen Bürojob, auf zu viel Sitzen, zu wenig Bewegung – auf all das, was man sich eben erklärt, wenn man sich noch jung fühlt und ernsthafte Erkrankungen von sich weist.

Doch das Zittern in der rechten Hand verschwand nicht. Im Gegenteil: Es manifestierte sich nach und nach. Bei Besprechungen oder Vorträgen begann ich, Gegenstände bewusst mit der linken Hand zu halten, um das Zittern zu verbergen. Nach außen gelang mir das gut, doch innerlich wuchs ein leiser Zweifel. Irgendetwas stimmte nicht.

Schließlich ließ mich das Gefühl nicht mehr los, und ich vereinbarte einen Arzttermin. Im Sommer 2006 stellte ich mich bei einem Neurologen in Ratzeburg vor.

Nach den Untersuchungen folgte die Diagnose: eine Verlangsamung der Nervenbahn im rechten Arm, vom Rückenmark bis zur Hand. Die Verlangsamung war noch im unteren Toleranzbereich aber auffällig zum linken Arm. Eine Erklärung, die für mich plausibel klang. Als Therapie wurde mir die Einnahme von Tabletten vorgeschlagen.

Ich lehnte ab.

Mit 33 Jahren wollte ich nicht akzeptieren, den Rest meines Lebens Medikamente einzunehmen. In der leisen Hoffnung, dass sich mein Körper vielleicht doch noch von selbst generieren würde.

2007

unbewusster Wandel

Meine zittrige Hand nahm ich irgendwann gar nicht mehr wahr. Das Zittern war nicht konstant, sondern kam und ging – mal stärker, mal kaum spürbar. Es zeigte sich vor allem in Momenten der Anspannung, als hätte mein Körper beschlossen, dort ein Ventil zu öffnen. Mit der Zeit wurde es zu etwas Vertrautem, fast zu einem Teil von mir.

Nach wie vor war es mir peinlich und unangenehm. Für Außenstehende war es meist kaum sichtbar. Nur wenn ich ein Stück Papier in der Hand hielt, verriet mich das leichte Flattern am Rand. Unbewusst begann ich, immer mehr Dinge mit der linken Hand zu erledigen. Stück für Stück, ohne bewusste Entscheidung. Es geschah einfach. Darüber nachzudenken, kam mir nicht in den Sinn.

Vielleicht lag es auch daran, dass mein Leben zu dieser Zeit ohnehin unter Spannung stand. Meine Ehe war zerrüttet, wir hatten uns getrennt. In solchen Phasen nimmt man vieles nicht wahr – oder will es nicht wahrnehmen. Vieles habe ich auch wahrscheinlich verdrängt oder schlichtweg vergessen. Man macht weiter, erledigt den Alltag, hält sich über Wasser. 

2008

Himmel und Hölle

Ich ordnete mein Leben neu. Meine Kinder sah ich nun leider nur noch alle zwei Wochenenden, und damit entstand etwas, das ich mir nicht gewünscht hatte: ungewollte Freizeit. Zeit, die zuvor selbstverständlich von Familie und Alltag gefüllt gewesen war – und die nun plötzlich offen vor mir lag, still und fordernd zugleich.

Ich entschied mich, meine Karriere weiter voranzutreiben. Eigentlich war ich beruflich bereits angekommen. Doch nun, da mich nichts mehr hielt, entstand der Wunsch nach dem nächsten Schritt. Ich bewarb mich bei Daimler auf eine höhere Führungsposition. Diese Chance war allerdings an Bedingungen geknüpft: ein begleitendes Betriebswirtschaftsstudium, dazu Praktika im gesamten Bundesgebiet. Ein anspruchsvolles Paket – und keines, das leicht zu bekommen war. Denn die Position und das damit verbundene BWL-Stipendium setzten die Empfehlung meines Vorgesetzten voraus. Genau daran scheiterte es zunächst. Er wollte mich nicht gehen lassen. Nicht, weil er mir den Schritt nicht zutraute, sondern weil ich für ihn zu wertvoll war, um mich ziehen zu lassen. Ein Kompliment, das sich wie ein Hindernis anfühlte.

Gleichzeitig begann ich, mir einen anderen Ausgleich zu schaffen. Ich fing an zu joggen – regelmäßig, bewusst. Laufen wurde mein Ventil, mein Gegenpol zum stressigen Arbeitsalltag. Es brachte mich in Bewegung, körperlich wie geistig. Während die Gedanken sich sortierten, fand mein Körper einen Rhythmus, der mir gut tat.

Februar 2008

Beim Aufschließen meines Autos – beim Drücken der Fernbedienung – bemerkte ich zum ersten Mal einen Kraftverlust im rechten Daumen. Es war ein seltsamer Moment. Ich ignorierte ihn weitgehend und schob alles auf die Kälte.

Kalte Hände, dachte ich, nichts weiter. Ich nahm den Schlüssel in die linke Hand, und alles funktionierte problemlos. Später, als die rechte Hand wieder warm war, ließ sich die Fernbedienung ganz normal drücken. Zwar komisch, aber damit war die Sache für mich erledigt.

April 2008

Zur richtigen Zeit am richtigen Ort. So trat Nadia in mein Leben. Es passte von Anfang an – wie Arsch auf Eimer. Wir kamen sehr schnell zusammen, ohne lange Umwege, ohne großes Zögern. Alles fühlte sich selbstverständlich an, als hätte es genauso kommen sollen. Nadia brachte zwei Kinder mit, und auch zu ihnen fand ich rasch einen Zugang. Die Beziehung zu den beiden vertiefte sich erstaunlich schnell. So schnell, dass sie mich bald nicht nur als Partner ihrer Mutter sahen, sondern als Vaterfigur. Als sie mich eines Tages fragten, ob sie „Papa“ zu mir sagen dürften, traf mich das mitten ins Herz. Seit diesem Moment habe ich vier Kinder – und ich liebe sie alle bedingungslos. Wir wuchsen zu einer echten Patchworkfamilie zusammen, getragen von Nähe, Vertrauen und einem Gefühl von Angekommen sein.

In diesem Überfluss an Glückshormonen nahm ich keine Symptome wahr. Das Leben schien perfekt zu sein. Mein Körper hatte sich angepasst. Unbewusst drückte ich den Autoschlüssel mit einer Art Kneifgriff – oder nahm gleich die linke Hand. Es war selbstverständlich geworden. Bis September 2008.

Nadia fiel auf, dass sich die Muskeln im Bereich meines Schulterblatts minimal bewegten. Ein feines Zucken unter der Haut. Sie fragte mich, ob ich das mit Absicht mache. Nein, tat ich nicht. Ich hatte dieses Zucken nicht einmal gespürt. Das war seltsam. Beunruhigend, auf eine leise Art. Kurz darauf fiel auch mir etwas auf. Meine rechte Hand wirkte im Bereich des Daumens eingefallen. Irgendetwas stimmt nicht mit mir. Zum ersten Mal begann ich, wirklich hinzuschauen. Und je genauer ich beobachtete, desto deutlicher wurde es: Meine ganze rechte Hand war schmaler als die linke. Sie sah merkwürdig aus – und doch war mir das bis dahin nie aufgefallen.

Nun nahm ich die Sache ernst. Kein Wegschieben mehr, kein Erklären. Ich ging zum Arzt. Es folgte ein kompletter Check, alles was man eben macht, wenn man Gewissheit sucht. Das Ergebnis war ernüchternd und zugleich beruhigend: alles ohne Befund. Mein Körper schien gesund zu sein. Doch die Hand, hieß es, das sei etwas Neurologisches. Dafür brauche es einen Spezialisten. Vielleicht ein eingeklemmter Nerv. Vielleicht ein Karpaltunnelsyndrom. Okay, dachte ich. Nichts Dickes. Etwas, das man beheben kann.

Ich bekam einen Termin beim Neurologen. Dezember 2008. Drei Monate Wartezeit. Für mich fühlte sich das quälend lang an. Ich wollte das Problem schnell gelöst haben – einen Namen dafür, eine Erklärung, einen Haken dahinter

Beim Neurologen wurden erneut meine Nervenbahnen untersucht. Wieder ging es um die Nervenleitgeschwindigkeit, die sogenannte NLG. Doch dieses Mal kam etwas Neues hinzu: eine Elektromyografie – kurz EMG. Auf diese Bekanntschaft hätte ich gut verzichten können. Mein Neurologe war dabei alles andere als zimperlich. Mit einer Nadel, die mir viel zu groß erschien, setzte er an meinem ohnehin schon schmächtigen Daumenmuskel an. „Falsche Lieferung“, kommentierte er trocken. Allein der Anblick ließ mich verkrampfen. Dann stach er zu und rödelte ein Kabel am Ende der Elektrode an.

„Herr Kruse, Sie müssen sich entspannen“, sagte er ruhig. Gar nicht so leicht, wenn jede Faser auf Alarm steht und man instinktiv nur eines will: wegziehen. Während die Nadel tief im Muskel steckte und das Gerät jede Regung aufzeichnete, wurde mir schmerzlich bewusst, dass diese Untersuchung mehr war als eine Routine.

Wahrscheinlich waren die Ergebnisse nicht besonders berauschend. Denn das Ende der Untersuchung mündete in etwas, womit ich nicht gerechnet hatte: eine sofortige Krankenhausüberweisung. Unsere bereits geplante Reise im Januar nach Dubai gestattete er mir noch. Gleichzeitig machte er mir jedoch die absolute Dringlichkeit der weiteren Abklärung klar. Offenbar war etwas ernst genug, um keinen Aufschub zu dulden. Den Einweisungsschein reichte er mir in einem verschlossenen Umschlag. Ich sollte ihn wohl nicht öffnen. Als läge darin nicht nur ein Formular, sondern eine Wahrheit, für die ich noch nicht bereit war. Ich nahm den Umschlag an mich und verließ die Praxis mit einem mulmigen Gefühl. Gerade wegen der Dringlichkeit und das der Arzt selbst den Termin telefonisch für mich vereinbart hat. Dieser sollte nach unserer Reise im Februar 2009 sein. 

Natürlich ließ ich es mir nicht nehmen, den Umschlag zu Hause zu öffnen. Ganz vorsichtig, mit Wasserdampf – wie in einem alten Film. Ein bisschen lächerlich vielleicht, aber ich musste es wissen. Drinnen lag tatsächlich nur der Überweisungsschein. Die Diagnose war hastig und kaum leserlich mit der Hand geschrieben. Wir brauchten eine ganze Weile, um die Silben überhaupt zu entziffern:   verdacht auf  „Motoneuronenerkrankung“

Ich googelte es - und hätte es lassen sollen.

Motoneuronenerkrankung. Es gibt verschiedenen Varianten, manche weniger dramatisch, teilweise therapierbar eine und die schlimmste Form davon ALS. Schock! 

Was ich in diesem Moment fühlte, kann ich heute kaum noch in Worte fassen. Ich fiel in eine Art Schockstarre. Gänsehaut, Schweißausbruch – dann Angst, Ungläubigkeit, Wut, Hoffnung. Alles gleichzeitig, ungeordnet, überwältigend. Von nun an begann meine persönliche Achterbahnfahrt der Emotionen, ein auf und ab. Und doch fing ich mich irgendwann wieder. Ich klammerte mich an das Naheliegende, an das Offensichtliche: Eigentlich hatte ich ja nix. Mir ging es doch gut. 
 

 

 

2009

Klartext 

Januar 2009.Die Feiertage hatten wir gut überstanden – getragen von Vorfreude auf die große Reise. Ich hatte mich sehr darauf gefreut, denn es war meine erste Fernreise überhaupt. Entsprechend aufgeregt machten wir uns auf den Weg nach Dubai. Die Reise diente nicht nur der Erholung, sondern auch der Arbeit. Ich begleitete einen Messestand für Medizintechnik, organisiert über Nadias Firma. Für mich war alles wie ein Märchen, ein völliges Abtauchen in eine andere Welt. Nicht nur das Orientalische, die schillernde Megacity mit ihren Gegensätzen faszinierte mich, sondern auch die Veranstaltungen des deutschen Konsulats und des Messeveranstalters Arab Health. Alles wirkte groß, perfekt organisiert, beeindruckend– sie ließen meine Sorgen in den Hintergrund rücken.

Und doch meldete sich mein Körper erneut. Als ich einen Blumenstrauß hielt, drehte sich mein Arm ganz leicht nach links und rechts. Der Blumenstrauß bewegte sich wie ein Baum im Wind. Ich weiß nicht warum, aber ich fand es witzig und machte Späßchen daraus. Vierzehn Tage Sonne und Wärme taten mir unglaublich gut. Sie gaben mir Energie, Leichtigkeit und das Gefühl, für einen Moment einfach nur zu sein, ohne Fragen, ohne Diagnosen, ohne Zukunftsszenarien.

Februar 2009

In der Klinik Schwerin waren dann zahllose Untersuchungen und Tests an der Reihe. Und wieder das EMG. Ehrlich gesagt hatte ich ein bisschen Schiss. Der Stich des Neurologen in meinen Daumenmuskel hatte sich regelrecht in mein Gehirn eingebrannt. Aber dieses Mal war es entspannter. Die Untersuchung blieb unangenehm, keine Frage, aber sie arbeiteten mit sehr kleinen, feinen Nadeln. Kein Vergleich wie zu zuvor. Dafür allerdings wurde kein Körperteil verschont. Sie begannen an den Fußmuskeln, arbeiteten sich über Wade und Oberschenkel vor, weiter zur Rückenmuskulatur. Dann die Arme: Daumen, Unterarm, Oberarm. Selbst mein Gesicht blieb nicht verschont – der Kaumuskel war an der Reihe.

Das Prinzip war immer gleich: Eine Nadel tief im Muskel, dann anspannen, entspannen. Anspannen. Entspannen. Manchmal schickten sie zusätzlich noch Stromimpulse hindurch. Mein Körper wurde zur Messfläche.

Als sie schließlich ankündigten, auch in die Zunge stechen zu wollen, zog ich die Grenze. Das lehnte ich ab. Es war mir schlicht zu verrückt. Ich wusste, dass ich mich dabei niemals hätte entspannen können – und damit wären die Werte ohnehin wertlos gewesen.

Sehr „empfehlenswert“ war auch eine Lumbalpunktion – die Entnahme von Gehirn-Rückenmark-Flüssigkeit, um eine Entzündung auszuschließen. Danach konnte ich nur noch schleichen. Mein Körper fühlte sich an, als hätte man ihm für einen Moment den Stecker gezogen.

Als wäre das nicht genug, wartete noch eine weitere spannende Untersuchung auf mich. Eine Art elektrischer Stuhl. Wie das Gerät genau hieß, weiß ich heute nicht mehr mit Sicherheit – vermutlich transkranielle Magnetstimulation, kurz TMS. Ich saß auf einem ganz normalen Stuhl, Elektroden wurden an meinen Fuß und meinen Rücken geklebt, eine weitere an meinen Kopf gehalten. Dann kam der Strom- beziehungsweise Magnetstoß. So heftig, dass ich reflexartig fast aufgesprungen wäre. Kontrollverlust in Reinform.

Nach dieser Woche voller Untersuchungen war ich vollkommen platt. Körperlich erschöpft, mental ausgelaugt. Aber ich hatte alles ertragen – aus einem einzigen Grund: Ich wollte endlich eine Diagnose. Klarheit!

Zuerst das Positive: Eine ALS wurde nicht bestätigt. Gott sei Dank. Alles andere war mir in diesem Moment erst einmal völlig egal. Dieser eine Satz reichte, um mich für einen Augenblick aufatmen zu lassen.

Doch dann kam der Nachsatz. Man hatte eine Schädigung des zweiten Motoneurons festgestellt. Als Differenzialdiagnose stand eine spinale Muskelatrophie im Raum. Auch nicht gerade beruhigend, aber in diesem Moment fast nebensächlich. Allerdings konnten sie auch nichts Genaues sagen, es könne sich daraus mit der Zeit doch eine ALS entwickeln.

Um das auszuschließen oder zu bestätigen, sollte ich im Mai erneut vorstellig werden. Vergleichsmessungen: the same procedure again, Herrlich. Auf diese Untersuchungen freute ich mich natürlich schon ganz besonders. Was blieb, war immer noch die Ungewissheit. Keine endgültige Diagnose, kein Abschluss.

März /April 2009

Aber ich ließ mich nicht entmutigen. Wirklich tief nachgedacht habe ich darüber wohl nicht mehr. Die ALS war vom Tisch, das war für mich das Entscheidende. Mir ging es gut, und ich war glücklich. Ich hatte ja „weiter nix“. Also machte ich einfach weiter.

Schon bald stand die nächste Reise an: eine neue Messe beziehungsweise ein Kongress in Mailand. Ich hatte Gefallen daran gefunden, Nadia auf ihren Dienstreisen zu begleiten. Es machte mir Spaß, beim Auf- und Abbau des Messestands mit anzupacken, Teil dieses Geschehens zu sein, die Atmosphäre aufzusaugen. Nebenbei nutzte ich die Zeit, um mein Englisch weiter auszubauen. In Dubai hatte ich noch mit Spickzetteln gearbeitet; jetzt wurde ich sicherer, vor allem mit den Fachbegriffen. Flüssig war ich längst nicht – aber Schritt für Schritt besser. Durch die neuen, überwältigenden Eindrücke schrumpfte die Zeit bis zu den Vergleichsuntersuchungen im Mai beinahe unmerklich zusammen. Statt auf das Ungewisse zu starren, war ich unterwegs, beschäftigt, in einer anderen Welt.

Mai 2009

Klinik Schwerin – diesmal als Rückkehrer. Die Vergleichsuntersuchungen standen an, und anders als beim ersten Mal ging ich nicht völlig ahnungslos dorthin. Ich wusste, was mich erwartete: die Nadeln, die Messungen, die Prozeduren. Und doch war da diese Mischung aus Ruhe und innerer Spannung. Ich hatte ein Gefühl im Bauch, fast eine Vorahnung – und gleichzeitig die leise Angst, dass diese Vorahnung mich täuschen könnte. Objektiv ging es mir gut. Ich fühlte mich stabil, hatte keine Verschlechterung bemerkt. Kein spürbarer Verlust. Wenn ich ehrlich war, glaubte ich sogar, dass alles in Ordnung sein müsse.

Und tatsächlich: Klinisch konnten keine weiteren Verschlechterungen festgestellt werden. Ein einzelner Messwert war minimal schlechter, doch so etwas könne auch tagesformabhängig sein. Und wieder dasselbe Ergebnis: Keine bestätigte ALS. Weiterhin Differenzialdiagnose spinale Muskelatrophie.

In diesem Moment fiel eine Last von mir ab. Das Leben kann weitergehen, dachte ich. Und irgendwie stimmte das auch. Ich war erleichtert, wirklich glücklich sogar – aber ganz tief drin blieb ein Rest Unsicherheit. Keine 100-prozentige Klarheit. Kein endgültiger Schlussstrich.

Man riet mir, noch eine weitere Meinung einzuholen – in der ALS-Ambulanz der Charité. ALS-Ambulanz - Allein das Wort ließ ein leicht beklemmendes Gefühl in mir aufsteigen. Als würde man mich trotz aller Entwarnungen doch wieder näher an etwas heranführen, das ich unbedingt hinter mir lassen wollte. Fast so, als ob die Ärzte mir nicht alles sagen wollten, was sie dachten. Doch ich nahm es hin. Es sind Spezialisten. Wenn jemand Gewissheit bringen konnte, dann sie.

Juni /Juli 2009

Mein Leben ging normal weiter. Ich bemühte mich, so viel Zeit wie möglich mit meinen Kindern zu verbringen – zumindest an den Wochenenden, an denen sie bei mir waren und soweit es mir ermöglicht wurde. Diese Zeit war mir besonders wichtig. Ich wollte, dass wir sie nicht nur allein miteinander, sondern wirklich alle zusammen als Familie erleben. Auch beruflich lief alles rund. Mein Chef signalisierte mir schließlich, dass er nun bereit war, die Empfehlung für das BWL-Studium und das damit verknüpfte Stipendium auszusprechen. Ein Meilenstein, den ich lange angestrebt hatte.

Bei einem Spaziergang in Parchim entdeckten wir dann zufällig eine kleine Villa, die privat verkauft werden sollte. Früher waren dort Arztpraxen untergebracht; nun stand sie leer. Es war das letzte Haus in der Straße. „Sollen wir mal gucken?“ fragten wir uns.

Gucken kostet nichts – und nach dem Preis fragen auch nicht.

Schon bei der Besichtigung war es um uns geschehen. Wir verliebten uns auf der Stelle in dieses Haus: die großen Räume, der Garten, die Atmosphäre. Es wäre einiges zu tun, um das Haus wieder komplett in Schuss zu bringen aber nun denn. Ohne groß nachzudenken, starteten wir den Angriff, um es zu erwerben. Keine langen Risikoabwägungen, keine Gedanken darüber, was mit mir gesundheitlich vielleicht noch kommen könnte. Wir wollten dieses Haus. Die Verhandlungen zogen sich ein wenig hin, aber schließlich stand der Notartermin fest: September 2009.

Doch dazwischen lag noch der Termin in der ALS-Ambulanz der Charité im August. Rückblickend weiß ich nicht mehr genau, wie bewusst mir das damals war. Vielleicht hatte mich die Euphorie über Haus und Zukunft so getragen, dass der nüchterne Verstand einfach ausgesetzt hatte.

Ich war voller Pläne – und wollte mir diesen Schwung nicht nehmen lassen.

August 2009

Wie eingangs beschrieben machte ich mich auf den Weg nach Berlin in die Charité. Natürlich war ich nicht allein – Nadia begleitete mich selbstverständlich.

Schon bei unserer Ankunft lag eine gedrückte Stimmung in der Luft. Wir wussten nicht, was uns erwarten würde. Welche Untersuchungen würden sie durchführen? Würden sie etwas Neues finden? Würden sie anders urteilen als die Ärzte in Schwerin? Eigentlich hätte es keine anderen Ergebnisse geben können – schließlich hatte sich mein Zustand weiterhin nicht verändert.

Dann begann die Untersuchung. Finger bewegen, Arm heben, Fuß anspannen, Kopf drehen, Mund öffnen, Zunge zeigen – praktisch mein ganzer Körper wurde geprüft. Aus meiner Sicht verlief alles weitgehend zufriedenstellend, bis auf meinen rechten Daumen: Er hatte nach wie vor wenig Kraft. Danach wurden meine Reflexe überprüft – fast schon wie aus dem 19. Jahrhundert wirkend, mit einem kleinen Hammer. Für mich fühlte sich dabei nichts außergewöhnlich an. Ein zweiter Arzt wurde hinzugezogen, vermutlich um eine zusätzliche Einschätzung zu bekommen. Beide verließen dann den Raum.

Nadia und ich saßen allein in diesem relativ kleinen Behandlungszimmer. Die Spannung war greifbar. Hätte man eine Glühbirne auf den Tisch gelegt, sie hätte vermutlich von selbst geleuchtet. Dann kam der Arzt zurück, setzte sich – und sagte ohne Umschweife: „Sie haben ALS! Ihre durchschnittliche Lebenserwartung beträgt drei bis fünf Jahre. Wir empfehlen Ihnen, Ihre Angelegenheiten zu regeln.“

Bähm- ein Vorschlaghammer auf die Seele. Ich war wie eingefroren.

Er drückte uns anschließend Broschüren in die Hand – Informationen über ALS und ein neues Versorgungsportal, das die Organisation von Hilfsmitteln und Medikamenten erleichtern sollte. Ambulanzpartner. Dazu erhielt ich ein Rezept für Rilutek, ein Medikament, das die Lebenserwartung im Durchschnitt um etwa drei Monate verlängern kann.Was danach geschah, weiß ich bis heute nicht mehr genau. Ich habe keine klare Erinnerung daran, wie wir nach Hause kamen. Alles ist verschwommen, wie ausgelöscht.

Ich weiß nur noch, dass wir zu meinen Eltern fuhren, um ihnen die Nachricht zu überbringen. Mein Vater fragte mich: „Wie möchtest du in Zukunft behandelt werden – mit Samthandschuhen oder wie immer?“ Meine Antwort war klar: „Wie immer.“ Seitdem haben wir nie mehr über ALS gesprochen.

In den Tagen danach zog ich mich völlig zurück. Ich verkroch mich, ging viel allein im Wald spazieren und habe mit jemandem gesprochen. Doch nicht nur ich hatte es schwer – auch Nadia litt enorm. Wenn ein Partner plötzlich eine solche Diagnose bekommt, gibt es kaum tröstende Worte. Und wenn man selbst kaum spricht, wird es für den anderen umso schwerer.

Meine Erinnerungen an diese Zeit sind bis heute lückenhaft – als hätte mein Gehirn vieles einfach ausgeblendet, um mich zu schützen.

August 2009 Ein neues Kapitel mit einem Verfallsdatum 

Irgendwie fühlte es sich an wie Stunde null. Und doch war es keine. Denn irgendwo im Hintergrund lief mein Countdown bereits.

Nach ca. einer Woche völliger Zurückgezogenheit schaffte ich es aus diesem bodenlosen Loch herauszukommen. Mit der Zeit wurde ich ruhiger. Es gab kein emotionales Auf und Ab mehr, keine Hoffnungswellen. Die Würfel waren gefallen. Ich stellte mich innerlich darauf ein, dass mein Leben endlich ist – und vermutlich viel kürzer, als ich es je gedacht hatte. Nach all dem Grübeln traf ich eine Entscheidung: Ich will weiterleben wie zuvor, so normal wie möglich und so bewusst wie möglich. Die Diagnose ALS konnte oder wollte ich nicht akzeptieren.

Ich informierte nur wenige über die Diagnose.  Den meisten sagte ich, es handle sich um eine Art Nervenentzündung, man wisse noch nichts Genaueres. Ich wollte verhindern, dass man mich plötzlich anders ansah – nicht mehr als den, der ich war, sondern als „den Kranken“. Ich hatte Angst vor mitleidigen Blicken, vorsichtigen Stimmen, an dieses vorschnelle In-Watte-Packende. Es war mir auch unangenehm, eine solch lebensverkürzende Krankheit zu haben. Ich wollte der bleiben, der ich bin. Also ging ich wieder normal zur Arbeit. Stand morgens auf, zog mich an, funktionierte. Nach außen war alles wie zuvor. 

Ich bin Nadia bis heute unendlich dankbar. Sie hätte gehen können. Sie hätte sagen können, dass ihr das alles zu viel ist. Stattdessen blieb sie. Mehr noch: Sie gab mir Mut. Perspektive. Hoffnung. Sie war überzeugt, dass dieses ALS-Urteil anfechtbar ist. Sie recherchierte Tag und Nacht nach alternativen Möglichkeiten und riss mich damit mit. Ich war zurück im Leben.

Dann trafen wir eine riskante Entscheidung: Wir kauften das Haus trotz aller Prognosen. Allerdings mit klarem Kopf. In Anbetracht meiner „Ablaufzeit“, entschieden wir, dass das Haus und die Finanzierung ausschließlich auf Nadia laufen sollten. Wir kannten uns erst 16 Monate. Fragen der Erbfolge, mögliche Pflegebedürftigkeit, finanzielle Risiken – all das musste berücksichtigt werden. Mein Gedanke war klar: Alles, was jetzt noch entsteht, soll Nadia und ihren Kindern zugutekommen. Meine alte Wohnung beziehungsweise Haushälfte sollten meine Kinder erhalten. Ich wollte Ordnung und Klarheit schaffen. Am Anfang ist es befremdlich und macht traurig, wenn man diese Dinge bespricht und durchdenkt. Aber es tat mir unglaublich gut, wieder einen Plan zu haben. Wieder etwas, wofür es sich zu kämpfen lohnte.

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